Urologie
Spermienmotilität nach Kryo-TESE: Theophyllin verleiht Flügel
Ein Problem im Rahmen der Reproduktionsbiologie ist die schlechte Beweglichkeit der durch TESE und vor allem durch Kryo-TESE gewonnenen Samenzellen. Dadurch ist die Auswahl geeigneter Samenzellen für die ICSI deutlich erschwert. Gute Ergebnisse wurden nun im Rahmen einer Studie* am Kinderwunsch Zentrum Linz mit Theophyllin als Aktivator für immobile Spermien erzielt.
1994 wurde im Labor für künstliche Befruchtung in der Linzer Landesfrauenklinik die intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) zur assistierten Reproduktion als Routinemethode eingeführt. Damit war einerseits der Grundstein zum heutigen „Kinderwunsch Zentrum Linz“ an der Landes-Frauen- und -Kinderklinik gelegt, andererseits entstand daraus auch der Bedarf einer Andrologischen Ambulanz zur Betreuung der Männer, die das neue Feld der mit der ICSI verbundenen Behandlungsmöglichkeiten anbieten konnte. Diese Andrologische Ambulanz entstand an der Urologischen Abteilung im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern, und durch den gleichzeitigen Aufbau beider Strukturen entwickelte sich auch die Schnittstelle zur kooperativen Arbeit optimal.
Die erste TESE (testikuläre Spermienextraktion) zur Samenzellgewinnung für ICSI wurde 1996 durchgeführt, die gewonnenen Samenzellen wurden anfangs frisch verwendet. Bald wurden die Befundung und Verarbeitung des Ejakulates in ein eigenes Andrologisches Labor ausgelagert, das heute ein Teil des Kooperationslabors der Barmherzigen Brüder und Schwestern in Linz ist. Die Kryokonservierung von Samenzellen, die Gewinnung von Samenzellen durch Blasenlavage, die Entnahme von Samenzellen aus dem Hoden (TESE, Mikro-TESE) und dem Nebenhoden (MESA) sowie die mikrochirurgische Refertilisierung konnten nun angeboten werden. Alle diese Einrichtungen – Kinderwunsch Zentrum Linz, Andrologisches Labor als Gewebebank und die Urologische Abteilung als Gewebeentnahmestelle – sind heute selbstverständlich von der AGES geprüft und im Register der zertifizierten Entnahmeeinrichtungen und bewilligten Gewebebanken nach §29 des Gewebesicherheitsgesetzes eingetragen.
Sehr rasch entwickelte sich vor rund 15 Jahren die TESE als Routineeingriff bei Patienten mit Azoospermie oder hochgradigem OAT-Syndrom. Da in Linz das Handling mit kryokonservierten Samenzellen von Anfang an gut funktionierte, konnte man mit der Kryo-TESE vor Beginn der Stimulation der Partnerin Samenzellen gewinnen und einfrieren, was erhebliche Erleichterungen im organisatorischen Ablauf brachte. Zusätzlich konnte man Partnerinnen die unnötige Stimulation bei dann negativer TESE ersparen. Ein Problem der TESE und vor allem der Kryo-TESE war allerdings die schlechte Beweglichkeit der Samenzellen, was den Reproduktionsbiologen die Auswahl geeigneter Samenzellen zur ICSI deutlich erschwerte.
Linzer Theophyllin-Studie
Unter Federführung von Univ.-Doz. Mag. Dr. Thomas Ebner vom Kinderwunsch Zentrum Linz wurde prospektiv der Frage nachgegangen, inwieweit die Anwendung von Theophyllin zur Verbesserung der Motilität eingefrorener und wieder aufgetauter Samenzellen aus TESE beiträgt. Untersucht wurden im Speziellen die Auswirkung auf die Fertilisierung, die Qualität der Embryonen sowie die Implantations- und Schwangerschaftsrate.
Methodik und Durchführung
Im Zeitraum 1/2010–3/2011 wurden 65 Paare in die Studie aufgenommen, bei denen auf Seiten des Mannes Azoospermie unterschiedlicher Ursache vorlag und eine Kryo-TESE (51 in Linz, 14 in Innsbruck) durchgeführt wurde. Bei der Frau mussten mindestens 6 reife Eizellen vorhanden sein. Das Alter der Patientinnen betrug 39,1±4,2 Jahre. Die Paare wurden selbstverständlich über die Studie aufgeklärt. Die TESE wurde multilokulär durchgeführt (Abb.), wobei durch die intraoperative Sprechverbindung mit dem Andrologischen Labor ein äußerstes Maß an gewebesparendem Vorgehen möglich wurde – es konnte weitgehend auf eine Biopsie des zweiten Hodens verzichtet werden.

Das gewonnene Material wurde in BM1-Medium (Eurobio) mechanisch aufgearbeitet. Die Konzentration der Proben betrug 4,3±1,9 Mio. Samenzellen/ml, 63,1% der Proben zeigten keine Motilität bereits vor der Kryokonservierung. Die Proben wurden in mehrere Straws aufgeteilt und mit dem CryoLogic-System mit Glycerol als Kryoprotektivum (SpermFreeze, FertiPro) automatisch gesteuert eingefroren. Am Tag der geplanten ICSI wurden die Proben im Wasserbad aufgetaut, zentrifugiert und die Pellets in BM1-Medium gegeben. Diese Proben wurden schließlich von einem „Gewebesicherheitsgesetz(GSG)-qualifizierten“ Probentransporteur in das Kinderwunschzentrum Linz gebracht, wo 2 bis 3 Stunden nach Auftauen der Samenzellen die transvaginale Eizellpunktion erfolgte. Die gewonnenen Eizellen wurden ebenfalls in BM1-Medium in den Inkubator verbracht.
Die Eizellen jeder Partnerin wurden in 2 Gruppen randomisiert. Dabei wurden insgesamt 842 MII-Eizellen bewertet. ICSI wurde 4 bis 5 Stunden nach Auftauen der Samenzellen durchgeführt – und zwar mit unbehandelten oder mit Theophyllin behandelten Samenzellen. Dazu wurden 0,5µl GM501 (SpermMobil Gynemed, Lensahn, Deutschland; Ready-to-use-Lösung) in den Swim-out-Tropfen gegeben. Im Anschluss lief das übliche ICSI-Prozedere ab. Nach Embryonenbeobachtung und Scoring erfolgte in der Regel der Transfer EINES Embryos.
Ergebnisse
Die Ergebnisse zeigten wesentliche und statistisch signifikante Unterschiede zwischen den randomisierten Gruppen mit Vorteilen in der Theophyllin-Gruppe (Tab. 1): So wurden eine Verbesserung der Motilität von eingefrorenen und aufgetauten Samenzellen aus TESE, eine verkürzte Samenzell-Suchzeit im ICSI-Verfahren sowie höhere Fertilitäts- und Schwangerschaftsraten festgestellt.

Die Verwendung von Theophyllin ist mittlerweile im Kinderwunsch Zentrum Linz in die Routine eingegangen, was sich auch in der Statistik 2011 (Tab. 2) zeigt: Es konnte bei insgesamt 22 Kryo-TESE-ICSI-Versuchen in allen Fällen ein Embryotransfer durchgeführt werden. Damit ist es uns gelungen zu beweisen, dass Theophyllin kryokonservierten Samenzellen Flügel verleihen kann!

* Ebner T, Tews G, Mayer RB, Ziehr S, Arzt W, Costamoling W, Shebl O: Pharmacological stimulation of sperm motility in frozen and thawed testicular sperm using the dimethylxanthine theophylline. Fertil Steril 2011 Dec; 96(6): 1331-6

Autoren:
OA Dr. Walter Costamoling
Urologische Abteilung im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Linz
E-Mail: walter.costamoling@bhs.at
Univ.-Doz. Mag. Dr. Thomas Ebner
Kinderwunsch Zentrum Linz an der Landes-Frauen- und -Kinderklinik
E-Mail: thomas.ebner@gespag.at





